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Und es veränderte alles.

  • Tandem allgemein

Auf dem 11. Parlamentarischen Abend hielten in Anwesenheit der rund 140 Gästen Tandem-Leiterin Kathrin Freier-Maldoner und Tobias Bütow, Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks, stellvertretend für alle beteiligten Fach- und Förderstellen gemeinsam eine Rede, die wir gerne zum Nachlesen online stellen. Der 11. Parlamentarische Abend der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit fand am 23. September in der Akademie der Künste in Berlin statt.

Rede zum 11. Parlamentarische Abend der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit

 

Redeanteil Kathrin Freier-Maldoner:

 

Sehr geehrter Herr Staatssekretär, 

sehr geehrte Abgeordnete, 

liebe Kolleg:innen, liebe Emma, lieber Janek,

 

wir befinden uns in unmittelbarer Nähe zum Brandenburger Tor. Während des Kalten Krieges war es Symbol der Teilung Deutschlands und Europas. Heute ist es Symbol für Frieden, Freiheit und die Überwindung historischer Teilungen.

Und heute können Tobias und ich hier gemeinsam stehen: Ich bin im Westen geboren, Tobias im Osten. Wir arbeiten eng zusammen. Ebenso mit den Projektträgern in Deutschland und den Partnerländern.

Grenzüberschreitender Jugendaustausch hat nach der Zeit des Nationalsozialismus und nach dem Ende des Eisernen Vorhangs entscheidend dazu beigetragen, dass junge Generationen Werte wie Menschenrechte, Verständigung, Dialog und Frieden verinnerlichten.

Das klingt abstrakt. Ich bin eine Teilnehmerin gewesen und konnte dank der Mittel aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes über das BMBFSFJ diese prägenden Erfahrungen machen.

Heute sind es tausende engagierte Fachkräfte und Organisationen, die Mobilität, Begegnung und interkulturelles Lernen ermöglichen – oft unter schwierigen Bedingungen und mit viel ehrenamtlichem Einsatz. Ihre Arbeit schafft Verbindungen über Grenzen hinweg und fördert internationale Zusammenarbeit, Vertrauen und Selbstwirksamkeit in einer Welt im Wandel. 

Junge Menschen erleben globale Krisen und gesellschaftliche Umbrüche in einem enormen Ausmaß. In Europa herrscht Krieg. Klimawandel, soziale und ökonomische Unsicherheiten, Zukunftschancen, psychische Gesundheit sind drängende Themen.

Die Fach- und Förderstellen, für die wir heute sprechen, sind ermöglichende Einrichtungen für junge Menschen, für die Gesellschaft, für Demokratie und Frieden – gerade in Krisenzeiten.

Ein Beispiel dafür ist die Arbeit des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes (DPJW) nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Durch zusätzliche Unterstützung konnten deutsch-polnisch-ukrainische Jugendbegegnungen schnell ausgebaut werden. Junge Menschen aus der Ukraine bekamen so die Möglichkeit, Begegnung, Austausch und ein Stück Normalität zu erleben.

Aus einer akuten Krise sind neue Begegnungsformate, Fachprogramme und trilaterale Projekte entstanden. Das zeigt sehr konkret, was verlässliche politische und finanzielle Unterstützung bewirken kann.

Dafür möchten wir den Entscheidungsträger:innen ausdrücklich danken.

Die politische Entscheidung, den deutsch-israelischen Jugendaustausch weiter auszubauen und stärker zu fördern, führt dazu, dass neue Zielgruppen erreicht, innovative Formate entwickelt und die langfristige Perspektive des Austauschs gestärkt werden. Projektvorhaben in Deutschland sehen sich einem zunehmenden Antisemitismus und antiisraelischen Ressentiments gegenüber. Sie müssen für erhöhte Sicherheit sorgen. Doch auch in dieser schwierigen Zeit ist die Motivation vieler Träger ungebrochen: Neue Austauschpartnerschaften werden begründet, Begegnungen in Deutschland finden vielfach statt und ConAct unterstützt mit großen Netzwerkkonferenzen die Verbundenheit der deutsch-israelischen Austauschpartnerschaften.

Unsere Arbeit ist kein Projekt. Sie ist Basis für eine offene und demokratische Gesellschaft, die bei Kindern und jungen Menschen beginnt und die kontinuierlicher Strukturen bedarf. 

Ein Dank für die strukturelle Festigung richten wir an das Auswärtige Amt, das die Deutsch-Türkische Jugendbrücke (DTJB) in die institutionelle Förderung und an das Land NRW, das mit dem Kinder- und Jugendförderplan die DTJB 2026 in die Strukturförderung überführt.

Europäische und Internationale Jugendarbeit braucht eine starke Förderung.

Steigende Kosten bei gleichzeitig stagnierenden Fördermitteln gefährden den Jugendaustausch. Reise- und Programmkosten sind in den vergangenen Jahren gestiegen. 

Im aktuellen Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass das zentrale Finanzierungsinstrument für die Kinder- und Jugendarbeit, der Kinder- und Jugendplan (KJP) des Bundes, weiterentwickelt wird, um 10 Prozent besser ausgestattet und die Finanzierung dynamisiert wird. Dieses nachhaltige Vorhaben ist noch nicht umgesetzt. 

Der KJP ist Strukturförderung. Er sichert die bundesweite Infrastruktur der (Internationalen) Jugendarbeit, also die Verbände, Träger und Fachstellen, ohne die keine Begegnung, kein Austausch, kein Programm stattfinden kann.

Ohne ausreichend finanzierte Strukturen bricht die Umsetzungskapazität weg. Mittel aus Jugendwerken und anderen Programmen können dann schlicht nicht mehr abgerufen und eingesetzt werden. Wenn Strukturen wegbrechen, folgt eine Abwärtsspirale: weniger hauptamtliches Personal, weniger Kapazität für internationale Projekte, weniger junge Menschen erreicht.

Stagnierende Förderung bei steigenden Kosten trifft zuerst die internationale Jugendarbeit: Auslandsbegegnungen werden gestrichen, Teilnahmebeiträge steigen – der Zugang hängt wieder vom Geldbeutel der Eltern ab.

Auf Länderebene gibt es in Nordrhein-Westfalen das positive Beispiel, dass Dynamisierung funktioniert und politisch umsetzbar ist – parteiübergreifend. 

 

Redeanteil Tobias Bütow:

„Und es veränderte alles“

Als ich mich auf den heutigen Abend vorbereitete, fragte ich Kathrin, ob auch sie Alumna eines Jugendaustauschs sei. Wir arbeiten zwar eng und vertrauensvoll zusammen, aber manches wissen wir noch nicht voneinander. Ihre Antwort: „Aber sowas von – und es veränderte alles.“

Hier sprechen also zwei Alumni des bilateralen Jugendaustauschs – einmal mit Tschechien, einmal mit Frankreich. Zwei von Millionen. Und ich vermute: Viele von Ihnen im Saal wären ohne Austausch heute auch nicht hier. 

Ob mit Griechenland, Israel, Polen, der Türkei oder der Ukraine – Austausch prägt Leben. Unsere beiden Lebensläufe jedenfalls wären ohne Austausch anders verlaufen.

Wir treffen uns heute an einem historischen Ort europäischer Geschichte, direkt neben dem Brandenburger Tor: „Und es veränderte alles.“ Diesen Satz sagen viele Ostdeutsche und Historiker:innen auch über den 9. November 1989. Über den Tag, an dem die Mauer fiel und das Brandenburger Tor zum Tor der Freiheit und der deutschen und europäischen Einigung wurde. Ich stamme aus Sachsen-Anhalt – jenem Bundesland, das es vor wenigen Tagen auf die Titelseiten der internationalen Presse geschafft hat. In meinem Elternhaus hängt bis heute ein großes Foto vom Tag des Mauerfalls. Leider hängt ein solches Symbol der Freiheit nicht in allen Wohnungen und Häusern in Ostdeutschland. 

Auch Jugendaustausch bringt Mauern zu Fall – die unsichtbaren. Junge Menschen erleben dabei Selbstwirksamkeit, Freiheit, Verantwortung, Demokratie durch Mitsprache und den „gekreuzten Blick“ auf sich und andere. Nach der Pandemie haben viele die Austauscherfahrung als zurückgewonnene Freiheit erlebt.

In diesen Tagen ist viel von Prozenten die Rede. Hier sind unsere: Die Wirkungsforschung hat Teilnehmende von Auslandspraktika gefragt, ob das Praktikum ihrem Leben eine entscheidende Wendung gegeben hat. 68,5 Prozent sagen: Ja. Und die zweite Zahl: Obwohl Deutschland Austausch – aus historischen Gründen – so stark fördert wie kein anderes Land in Europa, macht nur rund ein Viertel der jungen Menschen im Laufe ihrer Jugend eine mehrtägige Austauscherfahrung. Drei von vier wünschen sich aber eine solche Austauscherfahrung.

Das Deutsche Historische Museum zeigte vor einiger Zeit die Ausstellung „Roads Not Taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können“. Erlauben Sie mir deshalb eine Frage: Was wäre gewesen, wenn in den vergangenen 35 Jahren jeder junge Mensch in Deutschland – in Ostdeutschland, in ganz Deutschland, in der Stadt und auf dem Land – Austausch erlebt hätte? In welchem Land würden wir heute leben, wenn alle jungen Menschen in Deutschland für ein paar Tage an einem grenzüberschreitenden Austausch, vielleicht in einer Gastfamilie oder am Ort einer Gedenkstätte teilgenommen hätten? Stattdessen ist in den vergangenen Jahren der Anteil internationaler Projekte an den Maßnahmen der Jugendarbeit und Jugendhilfe zurückgegangen und stagniert.

Deshalb ein Häppchen „Food for thought“ für den informellen Teil dieses Abends, für das Buffet. Ich bin überzeugt: Hätten wir alle in den vergangenen 35 Jahren einen anderen Weg eingeschlagen und einschlagen können, hätte eine als gesichert rechtsextrem und verfassungsfeindlich eingestufte Partei in einem solchen Fall bei den jungen Wähler:innen nicht vorn gelegen.

Denn Jugendaustausch ist Friedensarbeit. Er stärkt den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und zwischen Gesellschaften. Er stärkt unsere Demokratie. Austausch prägt nicht nur Leben – er prägt Gesellschaft.

Umso größer ist heute unser Dank: an das BMBFSFJ, an die Bundesregierung und an den Deutschen Bundestag als Haushaltsgesetzgeber. Was der Koalitionsvertrag versprochen hat, wird für die Jugendwerke seit 2025 umgesetzt: eine deutliche Stärkung. Das ist starker Rückenwind. Und es ist für uns Verantwortung und Verpflichtung: Wir wollen möglichst viele junge Menschen mit guten Programmen erreichen – gerade jene, die bisher nicht dabei sind und einen erschwerten Zugang zu Mobilitätsprogrammen haben.

Danke auch an unsere Teams, ohne die dieser Abend nicht möglich wäre. Möge er dazu beitragen, dass neue Ideen, Vernetzungen und Projekte entstehen. Wir wollen heute jene zusammenbringen, die gemeinsam Verantwortung für Austausch tragen: Politik und Träger, Fach- und Förderstellen, Jugendwerke – und ganz wunderbare junge Menschen.

Europa, Frieden und Demokratie sind nicht selbstverständlich. Die Zukunft ist offen, es kann auch anders kommen. Wie, das liegt an uns. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass nicht ein Viertel, sondern alle jungen Menschen eines Tages, nach einem Austausch, sagen können: „Und es veränderte alles.“

Vielen Dank.

 

  

Eine Initiative von: 

ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch

Deutsch-Französisches Jugendwerk (DFJW)

Deutsch-Griechisches Jugendwerk (DGJW)

Deutsch-Polnisches Jugendwerk (DPJW)

Deutsch-Türkische Jugendbrücke (DTJB)

IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland

JUGEND für Europa - Nationale Agentur Erasmus+ Jugend, Erasmus+ Sport und Europäisches Solidaritätskorps

Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch – Tandem

Stiftung Juve – Jugend verbindet Deutschland mit Osteuropa und Zentralasien

Zwei Personen stehen auf einer Bühne und halten eine offizielle Rede
Kathrin Freier Maldoner und Tobias Bütow© Franz Josef
Vier junge Menschen und zwei Abgeordnete stehen zusammen mit zwei Moderator:innen bei einer Fragerunde auf einer Bühne.
"Upside Down"-Fragerunde beim 11. Parlamentarischen Abend der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit © Franz Josef
Vier junge Menschen und zwei Abgeordnete stehen bei einer Fragerunde auf einer Bühne.
"Upside Down"-Fragerunde beim 11. Parlamentarischen Abend der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit © Franz Josef
Viele elegant gekleidete Menschen sitzen bei einer Veranstaltung in Stuhlreihen und blicken zur Bühne.
Rund 150 Teilnehmer:innen waren zur Veranstaltung in die Akademie der Künste nach Berlin gekommen. © Franz Josef
Personen stehen bei einer Veranstaltung in Gruppen zusammen und unterhalten sich.
Gespräche beim 11. Parlamentarischen Abend der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit© Franz Josef
Gruppenbild der Teilnehmer:innen des 11. Parlamentarischen Abends der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit auf der Bühne.
Gruppenbild der Teilnehmer:innen des 11. Parlamentarischen Abends der Europäischen und Internationalen Jugendarbeit auf der Bühne.© Franz Josef