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Gemeinsam erinnern für eine gemeinsame Zukunft

„Vielleicht entscheidet man nicht immer direkt, wie die ganze Welt von morgen aussieht, aber immerhin ein Teil von ihr!“ – Gedanken von Franziska Haag, Freiwillige bei Tandem und Teilnehmerin am 10. deutsch-tschechischen Jugendtreffen in Berlin

Vom 8. – 10. November 2019 fand in Berlin das 10. deutsch-tschechische Jugendtreffen statt. Als Freiwillige beim Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch TANDEM in Pilsen habe ich mich unter die Teilnehmer_innen gemischt. Nachfolgend können Sie_könnt ihr meine gesammelten Eindrücke von diesem Wochenende lesen:

Eine Limo als gutes Omen

Kurz nach Mitternacht, Ankunft Berlin, Jugendherberge Ostkreuz. Bevor ich mein Zimmer beziehe, noch ein Kaltgetränk auf der Terrasse. Bei zunehmendem Mond mache ich mir Gedanken über das Thema Partizipation. Wo ist die Schnittstelle, an der ich etwas verändern kann und vor allem wie? Beiläufig drehe ich die Flasche in meinen Händen und mein Blick bleibt am Rückenetikett kleben. Dort steht tatsächlich eines der Schlagworte des bevorstehenden Wochenendes: „Partizipation: Du entscheidest, wie die Welt von morgen aussieht!“ Wenn das mal kein Zeichen ist oder zumindest ein wohlwollender Zufall. Obwohl: Kann denn Zufall etwas wollen? Na, das führt zu weit. Werten wir es einfach als willkommene Koinzidenz. Eine passendere Limo hätte dieses Wochenende nicht eröffnen können!

Der nächste Tag, Freitag, noch ist alles ruhig an diesem grauen Morgen im November. Nur vereinzelt sieht man Menschen in malvenfarbenen T-Shirts über die Flure der Jugendherberge huschen. Stellwände, Schreibutensilien und Plakate werden zurechtgerückt, Kaffeetassen geleert. Die berühmte Ruhe vor dem Sturm. „Der Sturm“, das sind die über 100 angemeldeten Teilnehmer_innen zum 10. deutsch- tschechischen Jugendtreffen, welches dieses Wochenende, sprich vom 8. bis 10. November 2019 in Berlin stattfindet. Organisiert von den Koordinierungszentren Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch – Tandem mit Sitz in Regensburg und Pilsen. Ort des Geschehens ist ein ehemaliges Internatsgebäude aus roten Ziegeln, heute die Jugendherberge Ostkreuz. Tatsächlich hat das Jugendtreffen für Tandem eine ganz besondere Bedeutung, da beim ersten Treffen dieser Art, 1996, der Grundstein für die Gründung der beiden Koordinierungszentren gelegt wurde.

Endlich ist es soweit, die ersten Teilnehmer_innen trudeln ein. Und plötzlich geht alles Schlag auf Schlag. Dort werden T-Shirts ausgehändigt, hier Namensschilder verteilt, Zimmerkarten ausgegeben, „Wie war doch gleich der Nachname?“, „Und hier noch unterschreiben bitte“. Beim Abendessen verspüre ich eine gespannte Neugier auf die bevorstehenden Programmangebote.

Werde selbst Akteur in der Erinnerungslandschaft

„Gemeinsam erinnern für eine gemeinsame Zukunft“ – unter diesem Fokusthema arbeitete Tandem die letzten drei Jahre. Begründet, wenn man sich die zunehmenden nationalistischen Tendenzen in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt ansieht. Erinnerungsarbeit ist ein starkes Mittel, um Abschottung, Fremdenhass und Rassismus entgegenzuwirken. Am Samstagvormittag sitze ich mit zehn anderen Teilnehmer_innen im Stuhlkreis. Vor uns ein Potpourri aus Bildern, die Referent Dr. Matthias Heyl aus der Gedenkstätte Ravensbrück mitgebracht hat. Ravensbrück ist ein ehemaliges Konzentrationslager für Frauen, 90 Kilometer entfernt von Berlin. Matthias stellt uns eine besondere Methode der Erinnerungsarbeit vor. Indem sich jeder ein Bild aussucht und danach im Plenum die Fragen: Was?, Wer? und Wann? durch eigene Interpretation und Assoziationen versucht zu beantworten, schaffen wir über Sprache einen intensiveren Zugang zur Erinnerung. Das Bild, das ich wähle, zeigt den Ausschnitt einer Wohnung, einen Treppenaufgang. Ein unverfängliches Motiv, unaufgeregt, nichts, was man auf den ersten Blick mit einem Konzentrationslager in Verbindung bringen würde. Erst als ich im Raum umhergehe und mein Bild mit anderen in Verbindung bringe, strahlt die Wohnung eine traurige Leere aus. Danach rekonstruiert Matthias die Geschichte zu unseren Bildern. Ziel dieser Methode ist es, selbst zu einem Akteur in der Erinnerungslandschaft zu werden. Statt Daten und Fakten zu wälzen, bringen wir eigene Wahrnehmungen, Gefühle und Emotionen ein.

Youth Goals und Impressionen vom Salatbuffet

Später am Tag. Während ich in der Mittagspause zwischen Nudel,- Kraut und Gurkensalat schwanke, schnappe ich von links und rechts einzelne Gesprächsfetzen auf. „Mann, das Ding ist doch einfach: Wo fängst du an, wo sind diese Punkte? Wo sind die Schalthebel der Macht deiner Meinung nach? Wo kann man eingreifen?“ – „Hast du mitbekommen, was in Chile gerade passiert? Das ist militärischer Terror und die Presse tut es als Proteste aufgrund steigender Bahnpreise ab.“ – „Weißt du, was richtig weh tut? Ein Kalb kostet keine 10 Euro mehr. 10 Euro, das ist krank!“ Ich merke, hier ist was los in den Köpfen. Eine halbe Stunde später der nächste Stuhlkreis. Dieses Mal mit der Frage, wie sich Jugendliche an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen beteiligen können. Dazu sind zwei Vertreter des Deutschen Bundesjugendring, DBJR, und dem tschechischen Pendant dazu, dem Česká rada dětí a mládeže, ČRDM, eingeladen. Vom europäischen Jugenddialog habe ich zwar schon mal gehört; dass dabei 11 Ziele, die Youth Goals, formuliert wurden, ist mir allerding neu. Sie fassen zusammen, welche Themen junge Menschen in Europa bewegen und was sie von der Politik erwarten. Dabei spielen neben Bildung und Beteiligung auch Themen wie Nachhaltigkeit, psychische Gesundheit und Gleichberechtigung eine wichtige Rolle. Zehntausende junge Menschen haben sich im Rahmen des Jugenddialogs an dieser Themenfindung beteiligt. Es ist ein Weg für junge Menschen, die Politik auf europäischer Ebene mitzugestalten. Es überrascht mich nicht, dass mir viele dieser Ziele am Sonntag während des Open Space wiederbegegnen.

Beteiligungsprozesse sind gemeinsame Lernprozesse

Den Sonntag in Form eines Open Space zu gestalten, ist ein Novum beim Jugendtreffen. Ganz im Sinne des neuen Schwerpunktthemas „Jugend gestaltet Zukunft!“ mit den Säulen Beteiligung, Demokratie und Diversität zeigen die Jugendlichen dabei selbst Themen auf und bearbeiten sie danach in Kleingruppen. Dieser Akt des „Nach-vorne-Tretens“ und „Sich-laut-für-etwas-aussprechen“ ist der erste und vielleicht schwerste Schritt der Beteiligung. Unterschiedliche Werte und Haltungen sowie Interessen und Bedürfnisse werden sichtbar. Dieser Diskurs und das Auseinandersetzen mit anderen fördern das Verständnis für unterschiedliche Standpunkte, was wiederum unabdingbar für eine funktionierende, lebendige Demokratie ist. Beteiligungsprozesse sind immer gemeinsame Lernprozesse, die unsere Bewusstseinsbildung stärken. Ich merke, wie die Stimmung im Raum mit jedem vorgebrachten Thema entspannter und lockerer wird. Nicht nur das Orgateam ist erleichtert über das geglückte Experiment, auch die Teilnehmer_innen erkennen das Potenzial des Open Space. Ein Gedanke, der mich besonders angesprochen hat, ist die Stärkung des Selbstbewusstseins jedes Einzelnen durch den Abbau von konkurrenzorientiertem Denken, um so zu einer Gesellschaft der Vielfalt zu gelangen. Ohne stereotype Rollenbilder und verstaubte Normen im Hinblick auf Geschlechteridentitäten, Lebensentwürfe und, und, und. Außerdem die wichtige Aufgabe, junge Menschen zu befähigen, kritisch und verantwortungsvoll mit Medien und Informationen umzugehen, um Fake News keine Chance zu geben. Ein faktenorientierter Dialog ist unbedingt erforderlich, um sich konstruktiv mit den Problemen unserer Zeit auseinanderzusetzen. Wir verbrauchen heute Ressourcen in einem Maße, das die Umwelt nicht verkraften kann. Die Gesellschaft muss handeln, um den Klimawandel und wachsende Umweltbedrohungen zu bekämpfen. Dafür müssen alle Verantwortung übernehmen.

Genauso wie die 100 jungen Menschen, mit denen ich dieses Wochenende in Berlin verbringen durfte. Gemeinsam haben wir Themen und Impulse erarbeitet, welche die kommenden drei Tandem-Jahre mit prägen werden. Vielleicht entscheidet man nicht immer direkt, wie die ganze Welt von morgen aussieht, aber immerhin ein Teil von ihr!

Franziska Haag, Freiwillige im Projekt ahoj.info 2019/20

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Redaktion: Tandem Verantwortlich: Thomas Rudner