L wie Literatur (-Geschichte)
Eine umfassende tschechische Literaturgeschichte müsste jetzt eigentlich den Bogen ziehen von den Anfängen des Altkirchenslawischen im 9. Jahrhundert über das erste gedruckte Buch in den böhmischen Ländern, die „Trojanische Chronik“ im 15. Jahrhundert, und die Anfänge einer nationalen tschechischen Kultur im 18. Jahrhundert, um irgendwann im 21. Jahrhundert anzukommen. Aber letztlich sollte es für jede/-n, der/die in Tschechien nicht durch kulturelle Unwissenheit auffallen möchte, reichen, wenn er/sie die Klassiker der tschechischen Literaturgeschichte kennt.
Aus dem 19. Jahrhundert sind zwei Größen der böhmischen Literatur zu erwähnen: Božena Němcová, die besonders für ihre Märchenbücher bekannt ist, und Karel Jaromír Erben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann man von einer Blütezeit der tschechischen Literatur sprechen, als Karel Čapek (zu seinen bekanntesten Werken zählen die freie „poetische“ Trilogie / Povětroň, „Hordubal“ oder „Ein gewöhnliches Leben“ / Obyčejný život), Jaroslav Hašek („Der brave Soldat Schwejk“ / Osudy dobrého vojáka Švejka) und Vladislav Vančura („Bilder aus der Geschichte des tschechischen Volkes“ / Obrazy z dějin národa českého) ihre berühmten Werke veröffentlichten. Jaroslav Seifert erhielt für seine Poesie den Nobelpreis für Literatur.
In Prag gab es einen großen Kreis deutschsprachiger Autoren, von denen Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Max Brod und Egon Erwin Kisch wohl am bekanntesten sind. Als letzte Vertreterin dieser sogenannten Prager Literatur deutschsprachiger Autor/-innen galt Lenka Reinerová, die im Juni 2008 verstarb. Sie war Mitbegründerin des heutigen Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren → www.prager-literaturhaus.com
Genauso wie Filmemacher/-innen oder Musiker/-innen hatten auch Literatinnen und Literaten unter den Repressionen zuerst des NS-Regimes und anschließend des kommunistischen Regimes zu leiden. Die literarischen Erscheinungen in der Normalisierungsphase nach 1968 kann man in drei Kategorien unterteilen:
- „offizielle“ Literatur, die in staatseigenen tschechoslowakischen Verlagen erschien und sozusagen Sprachrohr des Regimes war
- Samizdat-Literatur (wörtlich: Eigenverlag) entstand im Untergrund, sie galt als Insel der unabhängigen Kultur und Gedanken nahm ihren Aufschwung besonders mit der Charta 77-Bewegung, einer Bürgerrechtsbewegung, die das Zentrum der Opposition in den 1970er- und 1980er Jahren (→ G wie Geschichte)
- Emigrantenliteratur tschechischer Autor/-innen im Ausland wie Jan Čep, Mila-
da Součková, Ivan Blatný oder Milan Kundera (der seit 1993 nur noch auf Französisch schreibt). Der größte Teil der besten tschechischen Werke aus dieser Zeit wurde hauptsächlich im Exil herausgebracht (zum Beispiel im Verlag „68 Publishers“ in Toronto, den Josef Škvorecký als einer der bekanntesten tschechischen Schriftsteller im Exil gegründet hat). Viele emigrierte tschechische Autor/-innen haben sich im deutschsprachigen Raum niedergelassen und schreiben heute sogar zum Teil auf Deutsch (Ota Filip, Jiří Gruša, Pavel Kohout, Libuše Moniková)
Hier eine kleine Auswahl der bekanntesten tschechischen Nachkriegs-Autor/-innen:
- Tereza Boučková: Indianerlauf (Indiánský běh)
- Jiří Gruša: Der Babylonwald, Wandersteine
- Václav Havel: Briefe an Olga. Betrachtungen aus dem Gefängnis (Dopisy Olze) und seine Theaterstücke, z.B. Audienz (Audience)
- Bohumil Hrabal: Ich habe den englischen König bedient (Obsluhoval jsem anglického krále)
- Ivan Klíma: Liebende für einen Tag, Liebende für eine Nacht (Milenci na jeden den, milenci na jednu noc), Ein Liebessommer (Milostné léto)
- Pavel Kohout: Wo der Hund begraben liegt (Kde je zakopán pes), Sternstunde der Mörder (Hvězdná hodina vrahů)
- Jiří Kratochvil: Inmitten der Nacht Gesang (Uprostřed nocí zpěv)
- Eda Kriseová: Václav Havel. Dichter und Präsident (Václav Havel.Životopis)
- Milan Kundera: Das Buch der lächerlichen Liebe (Směšné lásky), Das Leben ist anderswo (Život je jinde), Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (Nesnesitelná lehkost bytí)
- Ladislav Fuks: Der Leichenverbrenner (Spalovač mrtvol), Herr Theodor Mundstock (Pan Theodor Mundstock)
- Libuše Moníková: Die Fassade, Treibeis, Verklärte Nacht
- Iva Pekárková: Truck Stop Rainbows
- Lenka Reinerová: Das Traumcafé einer Pragerin, Mandelduft
- Jaroslav Seifert: Was einmal Liebe war
- Jan Skácel: Das elfte weiße Pferd (Jedenáctý bílý kůň)
- Josef Škvorecký: Eine prima Saison (Prima sezóna), Feiglinge (Zbabělci)
- Jáchym Topol: Die Schwester (Sestra), Engel Exit (Anděl Exit)
Literaturhinweise sind unter → Z wie Zum Schluss zu finden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Die dort genannten Titel liegen zum Teil dieser Broschüre zugrunde.
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