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Diversitätsbewusste Bildung bei Tandem

„Für eine gleichberechtigtere Welt müssen wir kämpfen“ // Autorin Anne Sophie Winkelmann im Gespräch

Die diversitätsbewusste Bildung in der Jugendarbeit ermöglicht den Weg zu einem respektvollen Umgang mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden im grenzübergreifenden (Jugend-)Austausch, nicht nur mit Blick auf kulturelle und nationale Zugehörigkeiten. Das Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch – Tandem beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit dieser Thematik mit dem Ziel, den Ansatz der diversitätsbewussten Bildung schrittweise in das breite Spektrum seiner Aktivitäten zu übertragen. Bei der Aufbauschulung für Sprachanimateur/-innen am 10.11.2018 in Bayreuth gab es daher einen Workshop zur Diversität mit Anne Sophie Winkelmann.

Die Sprachanimateur/-innen hatten sich mit verschiedensten Erwartungen zu diesem Workshop angemeldet: Wie findet man Zugang zu den Teilnehmer/-innen an einer Sprachanimation? – Wie arbeitet man im internationalen Kontext mit Unterschieden bei Kindern und Jugendlichen? – Wie findet man einen Weg zum gegenseitigen Verständnis oder wie beeinflusst die eigene Wortwahl andere Personen?

Was bedeutet Diversität, warum ist sie wichtig und wie kann man sich mit ihren Prinzipien vertraut machen, das erläuterte Anne Sophie Winkelmann – Bildungsreferentin und Autorin der Methodenhandreichung „More Than Culture“ im Gespräch mit Mirka Reifová, PR-Referentin Tandem Pilsen.

Wie würden Sie in einfachen Worten den Grundgedanken der diversitätsbewussten Bildung erklären?

Anne Sophie Winkelmann: Das Ziel ist die Erreichung einer Wahrnehmung von sich selbst und anderen als komplexe Persönlichkeiten, die verschiedensten Sozialgruppen angehören. Auch bei vielen Unterschieden mit anderen haben wir mit ihnen vieles gemeinsam. Vor allem liegt einer diversitätsbewussten Bildungsarbeit als Fundament die Perspektive der Antidiskriminierung zugrunde sowie die kritische Aufmerksamkeit für Schubladendenken und Zuschreibungen.

Sehen Sie in der heutigen Zeit einen Unterschied darin, inwieweit in der Gesellschaft Vorurteile auftauchen?

Anne Sophie Winkelmann: Ich benutze anstelle des Wortes „Vorurteile“ lieber den Begriff Zuschreibungen oder „Bilder in unseren Köpfen“. Denn VOR-URTEIL erzeugt die Annahme, dass nach einem Vorurteil ein richtiges Urteil folgt, was aber nicht wahr ist. Es ist immer nur unsere subjektive Wahrnehmung. Generell denke ich, dass sich die Situation in den deutsch-tschechischen Beziehungen deutlich verbessert hat. Gerade gibt es aber weltweit viele Zuschreibungen und Diskriminierung gegenüber Muslimen. Rassismus ist für mich ein großes Thema und persönlich beschuldige ich vor allem die Politiker und Politikerinnen, welche in der gegenwärtigen Gesellschaft bewusst Angst schüren. Ein Beispiel ist die extreme Partei AfD.

Warum ist es wichtig, gegen Vorurteile zu kämpfen?

Anne Sophie Winkelmann: Oft werden Vorurteile damit verteidigt, dass sie evolutionär vorteilhaft sind (sie schützen uns vor Gefahren) und vereinfachende Strukturen bieten. Dazu frage ich: Brauchen wir wirklich ein vereinfachendes Denken? Ist es in der komplexen Welt nicht besser, sich die Mühe zu machen und sich die Zeit zu nehmen, um über mehrere Faktoren nachzudenken? Persönlich sehe ich eine klare Verbindung zwischen Rassismus und den Zuschreibungen, die auf Schubladen basieren. Die Prinzipien sind gleich und sehr gefährlich.

Gibt es Ihrer Meinung nach Medien (in Deutschland), welche die Grundsätze der Diversität einhalten und sich bemühen, die negativen Vorurteile nicht zu unterstützen oder die positiven nicht zu bilden?

Anne Sophie Winkelmann: Positiv nehme ich das Potenzial kleiner unabhängiger Blogs wahr, welche sich bemühen, unverstellte Informationen und persönliche Erlebnisse zu vermitteln. Es ist eine Chance, Informationen direkt zu erhalten.

Mit wie vielen Organisationen arbeiten Sie zusammen, die Ihre Methode und Ihre Theorie der Diversität anwenden?

Anne Sophie Winkelmann: Es sind viele, nicht nur aus Deutschland. Das Interesse an Diversität ist in den letzten fünf Jahren gestiegen. Anfragen kommen vor allem von gemeinnützigen Organisationen, die sich mit Rassismus und anderen Formen von Diskriminierung beschäftigen. Da das Thema aber sehr komplex ist und keine konkreten Methoden und „schnelle Anleitungen“ bietet, gehen viele Organisationen den Weg nicht weiter. Es fehlen schlicht und ergreifend die Zeit und Energie, sich in die Tiefe der Thematik zu begeben und auch die Bereitschaft, sich kritisch mit den eigenen Privilegien und Strukturen auseinander zu setzen. Es ist ein langer und tiefgehender Prozess der Reflexion, welchen ich momentan bei Tandem beobachten kann – und das freut mich sehr.

Für wen ist es wichtig, sich mit dem Thema Diversität zu beschäftigen, für wen kann es in der Arbeit besonders nützlich sein?

Anne Sophie Winkelmann: Natürlich sind dies Lehrer/-innen, Erzieher/-innen, Politiker/-innen. Sehr nützlich wäre es auch für die Polizei, aber diese profitiert eher davon, dass Bilder (auch von sich selbst) in den Köpfen anderer entstehen. Im alltäglichen Leben ist komplexes Denken für jeden lohnenswert! Gerade auch für Eltern bei der Begleitung von Kindern, ebenso für zwischenmenschliche Beziehungen im Allgemeinen. Natürlich muss diversitätsbewusste Bildung auch bei denen ankommen, die für die Festlegung von Bildungsrichtlinien zuständig sind, damit sich auch diese Strukturen verändern können.

Mit welchen Mitteln kann man die Diversität näher bringen?

Anne Sophie Winkelmann: Am besten geht das über persönliches Kennenlernen und zum Beispiel durch einen Workshop. Das ist aber oft nur der Anfang, der einen eigenen Reflexionsprozess in Gang setzt. Viel Input finden man in der Handreichung „More Than Culture“, welche dank Tandem auch ins Tschechische übersetzt wurde (Anm. d. Red.: Die Übersetzung entstand in Zusammenarbeit mit der Autorin, Fachleuten aus Tschechien und Vertreter/-innen von Organisationen, die sich seit Langem mit dem Thema beschäftigen). Und dann gibt es noch den großen Bereich des Internets und der sozialen Medien. Hier sehe ich eine riesige Aufgabe, den diversitätsbewussten Gedanken weiterzutragen. In Diskussionsforen, Kommentaren auf Facebook oder in persönlichen Diskussionen sollten Menschen diversitätsbewusster sein und gleichzeitig diskriminierende Meinungen nicht stehen lassen. Oft reicht es, eine kritische Frage zu stellen und sich selbst klar zu positionieren. Ich kann sagen: Ich finde das sehr unangenehm, was du da sagst. Oder: Das trage ich nicht mit, ich sehe das anders. Wir alle brauchen Mut, diskriminierenden Aussagen nicht (schweigend) beizustimmen und für eine gleichberechtigtere Welt zu kämpfen.

Wir danken Ihnen für das Interview!

Anne Sophie Winkelmann

  • hat interkulturelle Pädagogik studiert; später hat sie entschieden, sich auf die Themen Diversität und Diskriminierung zu konzentrieren
  • hat sich in den letzten fünf Jahren dem Thema „Adultismus“ gewidmet und untersucht Machtverhältnisse zwischen Erwachsenen und Kindern
  • ist Autorin der Handreichung „More Than Culture – Diversitätsbewusste Bildung in der internationalen Jugendarbeit“ (auf Tschechisch verfügbar im E-Shop bei Tandem Pilsen)

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Redaktion: Petula Hermansky Verantwortlich: Thomas Rudner