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„Ich bin nicht die erste Verrückte, die nach Tschechien ging!“ // Interview mit Simone Guschlbauer, Ex-Absolventin der Staatlichen Fachakademie für Übersetzen und Dolmetschen in Weiden i. d. OPf.

Während  ihrer Ausbildung am Beruflichen Schulzentrum Weiden hat Simone Guschlbauer ein von Tandem gefördertes Praktikum in Tschechien absolviert – was der jungen Frau bei ihrer Jobsuche sehr zugute kam. Nicht nur die Arbeit in einer international tätigen Firma macht ihr Spaß, sondern auch das Leben in Brünn. Im Folgenden lesen Sie ein Interview mit Simone Guschlbauer; die Fragen stellte StDin Andrea Hielscher, Fachbetreuerin Fremdsprachen an den Fremdsprachenschulen am Beruflichen Schulzentrum Weiden.

Du hast im Herbst 2017 einen Arbeitsplatz in Tschechiens zweitgrößter Stadt Brünn angenommen. Wie ist es dazu gekommen?

Simone Guschlbauer: Eigentlich war das eine Reihe von Zufällen. Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, ich würde nach Tschechien gehen, hätte ich diese Person ausgelacht.

Wir waren damals in Pilsen auf Praktikum. Eine Klassenkameradin bekam Besuch von ihrem Freund. Wir saßen alle zusammen im Restaurant Švejk. Irgendwann machte der Freund eine Bemerkung, er habe auf der Autobahn hierher Werbung einer Webseite für fremdsprachige Arbeitsplätze gesehen. Hätte er das nicht erwähnt, wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, mich ins Ausland zu bewerben. Zurück in Deutschland habe ich dann diese Seite gesucht.

Die Stellenangebote in Prag haben mich nicht wirklich interessiert. Irgendwann hatte ich dann Brünn im Visier, obwohl ich damals keine Ahnung hatte, wo genau das eigentlich liegt. Dabei bin ich dann auf Reed Global gestoßen, eine Arbeitsvermittlung, die ich nur wärmstens empfehlen kann!

Genau zwei Tage, nachdem ich mich auf eine der Stellen beworben hatte, bekam ich einen Anruf von Reed Global, durch den ich mehr Informationen über die Firma und Brünn erhielt. Danach hatte ich den ersten Kontakt mit der Personalabteilung und ein Bewerbungsgespräch via Skype. Dann ging alles recht schnell: Innerhalb einer Woche stand fest, dass ich die Stelle bekommen würde. Das muss Ende Juli gewesen sein, nach den Abschlussprüfungen. Und am 4. September 2017 habe ich dann die Stelle hier in Brünn angetreten.

Warum hast du dir keine Stelle in Deutschland gesucht?

Simone Guschlbauer: Tatsächlich habe ich auch in Deutschland gesucht, bin aber nicht fündig geworden bzw. habe nie Zusagen bekommen. Bis dahin hatte ich keinerlei Arbeitserfahrung und somit war es nicht einfach, überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Und selbst wenn ich diese Hürde geschafft hatte, waren andere Kandidaten immer besser. Eigentlich wollte ich ja wirklich Übersetzerin werden, aber ich hatte Angst, als Selbstständige meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten zu können.
Außerdem wollte ich herausfinden, wie es sich in einem anderen Land lebt und arbeitet. Durch mein Praktikum in Pilsen hatte ich bemerkt, dass es mir in Tschechien eigentlich ziemlich gut gefällt. Viele wollen in Deutschland arbeiten, aber die Wenigsten gehen von Deutschland weg, zumindest nicht nach Tschechien. Abgesehen davon macht sich so ein Aufenthalt im Ausland im Lebenslauf immer ganz gut.

Du hast zwar Tschechisch gelernt, aber der Schritt ins östliche Nachbarland erscheint doch sehr mutig. Was hat den Ausschlag gegeben?

Simone Guschlbauer: Irgendwann hat es mir gereicht, in Deutschland ständig nur abgewiesen zu werden. Ich fragte mich, wo ich mit meinen Deutsch- und Englischkenntnissen wohl von Nutzen sein könnte. In Deutschland erwartet jeder Arbeitgeber, dass man Deutsch und Englisch auf hohem Niveau spricht. Somit hatte ich meine einzige Besonderheit verloren. Kurz habe ich auch mit dem Gedanken gespielt, nach England zu gehen, aber da war dann diese Sache mit dem Brexit, wo keiner weiß, wie genau es eigentlich weitergeht.

Also dachte ich an Tschechien, da ich ja zumindest tschechische Grundlagen habe. Mein Tschechisch war – und ist – leider noch nicht gut genug, um damit wirklich punkten zu können. Da dachte ich mir: Wieso nicht besagte tschechische Basiskenntnisse ausbauen und vielleicht später einmal damit nach Deutschland zurückkommen? Ich fasste den Plan, zwei bis drei Jahre in Tschechien zu bleiben, meine Sprachkenntnisse zu verbessern, Arbeitserfahrung zu sammeln, um dann in Deutschland eine Stelle anzunehmen, in der ich Tschechisch brauchen würde. Jetzt bin ich mir mit diesem Plan nicht mehr so sicher, denn ich bin sehr gerne hier und könnte mir auch gut vorstellen, länger zu bleiben.

Du hast inzwischen in Brünn schon den Job gewechselt. Beschreibe kurz beide Tätigkeiten und den Grund des Wechsels.

Simone Guschlbauer: Die erste Tätigkeit kann man nur Call Center nennen. Ich arbeitete in einem Unternehmen, das Flüge zu günstigen Preisen verkauft, indem es alle möglichen Flüge miteinander verbindet, auch wenn die eigentlichen Airlines nichts miteinander zu tun haben. Dieses eher ungewöhnliche Konzept hat dann nicht selten zu Problemen geführt. Da die Passagiere das Konzept meistens nicht verstanden, waren sie oft wütend, wenn sie bei uns anriefen und noch dazu länger als geplant in der Warteschleife hingen. Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht ewig dort bleiben würde. Nach einiger Zeit wurde die Atmosphäre im Unternehmen immer düsterer. Das lag nicht an meinen großartigen Kolleginnen, sondern am Betriebsklima und dem großen Druck, unter dem wir täglich standen. Kurz und gut: Irgendwann entschied ich mich, etwas anderes zu suchen.

Gefunden habe ich meine jetzige Arbeit bei der Jobbörse Monster, wo ich mit Verkaufsvertretern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammenarbeite. Man kann meine Tätigkeit als eine Art Schnittstelle zwischen den Vertretern und unserem internen Backoffice bezeichnen. Die Vertreter sind in ganz Europa verteilt, in Deutschland, Österreich, den Benelux-Staaten, in Großbritannien, Frankreich und Spanien, um ein paar aufzuzählen. Hier in Brünn befindet sich quasi das Zentrum des Kundendienstes. Mit dieser Stelle hatte ich wohl auch mehr Glück als Verstand, da diese Aufgaben ursprünglich von Deutschland aus erledigt, aber dann nach Brünn verlegt wurden und man dafür dringend Personen mit Deutschkenntnissen brauchte. Wieder ging alles ganz schnell: Ich hatte das Bewerbungsgespräch, bekam am gleichen Abend die Zusage und drei Tage später fing ich dort auch schon an.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Kannst du von deinem Verdienst einigermaßen leben?

Simone Guschlbauer: Ich arbeite in einem offenen Büro, unser Team besteht aus zwei Tschechen und mir. Ich habe keinen direkten Kundenkontakt mehr, sondern arbeite nur mit den anderen Abteilungen zusammen, ob die jetzt in meinem Gebäude oder im Ausland sitzen. Im Allgemeinen geht es darum, Verträge zu generieren, an den Kunden zu schicken und die unterschriebenen Exemplare an das Backoffice weiterzuleiten, damit es den Auftrag einbucht und die Produkte freigibt. Manchmal kommt es auch vor, dass der Kunde seinen Auftrag stornieren möchte, dann leite ich die Stornierung an das Backoffice weiter.

Meistens sind die Anfragen recht einfach, aber ab und zu kommt es schon vor, dass es knackigere Probleme gibt. Am stressigsten ist es immer am Monatsende, da jeder Kundenvertrag noch in dem Monat gebucht werden muss, in dem er abgeschlossen wurde, und die Firmen am Monatsende eine Rechnung für die Produkte erhalten sollen, die sie verbraucht haben. Dafür bin ich auch verantwortlich. Meine Arbeit gefällt mir viel besser, als ich je gedacht hätte, da es sich ja im Grunde genommen „nur“ um einen Bürojob handelt.

Von meinem Gehalt kann ich sehr gut leben. Ich kann sogar jeden Monat noch eine gewisse Summe für die BAföG-Zurückzahlung beiseitelegen. Gleichzeitig kann ich es mir noch leisten, abends ins Kino oder zum Essen zu gehen oder mich mit Bekannten zu treffen. Natürlich werfe ich das Geld nicht mit beiden Händen zum Fenster hinaus, aber ich nage auch nicht am Hungertuch.
Fairerweise muss ich zugeben, dass ich für tschechische Verhältnisse überdurchschnittlich gut bezahlt werde, auch wenn ich mit der umgerechneten Summe in Deutschland nicht wirklich über die Runden kommen würde. Ich kenne mich, ehrlich gesagt, nicht mit den üblichen Gehältern hier in Brünn aus. Aber nach allem, was ich gehört habe, kann ich mich wirklich nicht beklagen, auch wenn ich jetzt ein bisschen weniger verdiene als an meiner ehemaligen Arbeitsstelle – zu der ich trotzdem nicht zurück möchte.

Wie und wo wohnst du? Wie würdest du deine privaten Kontakte und dein soziales Leben beschreiben?

Simone Guschlbauer: Momentan wohne ich in einer Art Studentenunterkunft. Ich habe mein eigenes Badezimmer, muss mir aber die Küche und die Waschmaschine mit meinen Mitbewohnern teilen. Manchmal ist das schon ziemlich nervig. Alles in allem bin ich aber mit meiner Unterkunft sehr zufrieden, vor allem, da ich eine recht geringe Miete zahle. Allerdings sehe ich mich langsam nach einer neuen Wohnung um.

Mein Sozialleben ist sehr gut. Es gibt mittlerweile viele Events und Treffen speziell für Ausländer und ich besuche regelmäßig eine Reihe englischsprachiger Veranstaltungen. Es sind so viele, dass ich nicht immer alles schaffe, was ich möchte. Ich habe Menschen aus aller Welt kennengelernt – aus Australien, den USA und vielen europäischen Ländern wie Frankreich, Österreich, Großbritannien, Polen, Kroatien und Schweden. Natürlich habe ich auch ein paar Deutsche getroffen – ich bin also nicht die erste Verrückte, die nach Tschechien ging!

In welchen Sprachen verständigst du dich?

Simone Guschlbauer: Tatsächlich rede ich ein bisschen mehr Englisch als Deutsch. Englisch ist in meinem Unternehmen die offizielle Firmensprache, in der natürlich auch all unsere Meetings stattfinden. In meinem Team wird aber hauptsächlich Deutsch und Tschechisch gesprochen. Wenn ich unterwegs bin, spreche ich meistens Englisch, da ich mich viel mit Ausländern treffe und Englisch natürlich unsere gemeinsame Sprache ist. Tschechisch benutze ich aktiv bisher leider viel zu selten.

Nenne ein paar Unterschiede zwischen dem Leben in Tschechien und in Bayern. Was vermisst du in Tschechien? Was findest du gut?

Simone Guschlbauer: Der größte Unterschied ist natürlich die Sprache. Obwohl ich im Alltag gut zurechtkomme, gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mir fundiertere Tschechischkenntnisse wünsche. Ein weiterer großer Unterschied ist die „Ausgehkultur". In Weiden sind die Straßen unter der Woche ab circa 18, 19 Uhr wie leer gefegt. In Brünn geht es zu dieser Zeit erst richtig los. Manchmal glaube ich sogar, dass während der Woche noch mehr los ist als am Wochenende. Außerdem haben hier die meisten Läden auch am Sonntag geöffnet, was sehr hilfreich ist, wenn man mal etwas vergessen hat oder spontan Lust auf einen Shoppingtrip bekommt. In dieser Hinsicht bin ich wohl schon ein bisschen von Tschechien verwöhnt. Manchmal vermisse ich es allerdings, im Alltag, zum Beispiel beim Einkaufen oder im Restaurant, Deutsch zu sprechen.

Wie stellst du dir die nächste Zukunft vor?

Simone Guschlbauer: Da es mir hier in Brünn sehr gut gefällt, möchte ich sicherlich noch ein paar Jahre bleiben. Was danach kommt, weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht lasse ich mich hier nieder, vielleicht gehe ich aber auch zurück nach Deutschland – oder es zieht mich in eine komplett andere Richtung. Vielleicht fange ich an, professionell zu übersetzen (das ist etwas, das ich noch nicht komplett aufgegeben habe), vielleicht suche ich mir eine neue Stelle.

Welche Empfehlung gibst du Absolventen unserer Fachakademie bei der Arbeitssuche?

Simone Guschlbauer: Eigentlich nur etwas wirklich Wichtiges, woran ich vor einem Jahr noch nicht geglaubt habe: Lasst euch nicht entmutigen, wenn es nicht sofort klappt, manchmal kommt man über Umwege an sein Ziel. Oder man landet irgendwo, woran man noch nie gedacht hat, und fühlt sich dort unglaublich wohl. Und geht immer euren eigenen Weg, egal, was andere dazu sagen.

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Redaktion: Petula Hermansky Verantwortlich: Thomas Rudner