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Ein Urgestein in der deutsch-tschechischen Projektwelt – Im Gespräch mit Alfred Müllers in Děčín  

Auf der malerischen Bahnstrecke zwischen dem sächsischen Bad Schandau und Děčín, der ersten Station auf tschechischer Seite, bewegt sich der Zug in Schlängellinien ruhig und fast schon zaghaft an der Elbe entlang. Es ist ein sonniger Mittwochabend im Mai 2018, als ich den Bahnhof der nordböhmischen Kleinstadt von Dresden aus erreiche. Direkt hinter dem Bahnhofsgebäude befindet sich die „Sportovní hala“, eine Sporthalle mit angeschlossener Unterbringung für Gäste. Genau dort, so hatte mir Alfred Müllers vorgeschlagen, könnten wir uns unterhalten. Als ich ankomme, begegnet mir im Treppenhaus des Gebäudes ein sympathischer und sichtlich beschäftigter älterer Mann im roten Sporttrikot. Er hält einen Zettel mit Zimmernummern und Namen in den Händen. Sie alle seien später angekommen als geplant, jetzt müssten erst einmal noch alle ihre Unterkunft beziehen. Der 87-jährige Fußballfreund, der gerade mit einer Gruppe von Jugendlichen im Rahmen eines Austauschprojekts in Tschechien zu Gast ist, händelt solche kleinen Probleme nach all den Austauschjahren mit ziemlicher Gelassenheit. Ich bestelle mir in der Sportlerklause einen Kaffee, während Herr Müllers seine Mannschaft zum Abendessen zusammenruft. Danach setzen wir uns nach draußen auf die Sommerterrasse und kommen zusammen mit Michal Hrbáček, Müllers‘ Projektpartner, ins Gespräch.

Ein Vierteljahrhundert deutsch-tschechische Freundschaft durch Fußball

Seit 1993 wurden durch die Initiative Alfred Müllers etwa 50 Austauschprojekte zwischen tschechischen und deutschen Fußballvereinen organisiert. Mit strahlenden Augen und ein bisschen stolz zeigt er mir eine lange Liste mit verschiedenen Orten und Vereinen in der Aussiger Region, mit denen er schon Projekte realisiert hat. Es seien immer mehr geworden, freut sich Müllers. Der im rheinland-pfälzischen Montabaur lebende Pensionär war 2005 sogar selbst Mitgründer eines Vereins, des 1. FFC Montabaur – eines Vereins für Frauen- und Mädchenfußball, dessen Vorstandssprecher er bis heute geblieben ist. Mit diesem Verein als Projektpartner organisierte Müllers bereits einige deutsch-tschechische Begegnungen, u.a. zusammen mit dem FK Junior Děčín. Michal Hrbáček, der mittlerweile als Deutschlehrer in Děčín arbeitet, war selbst einmal Projektteilnehmer. Sein Beispiel zeigt, dass die Teilnahme an den Begegnungen zu einem Impuls für eine aktiv gelebte deutsch-tschechische Freundschaft werden kann.

Europäische Verständigung als Lebenswerk

Zu internationalen Projekten haben Alfred Müllers vor allem persönliche Erfahrungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bewegt, die ihn stark prägten und eine aktive Verständigung zwischen den zunächst noch von Feindbildern beeinflussten Menschen für ihn zu einer Priorität werden ließen. In seiner Familie, so erinnert sich Müllers während unseres Gesprächs, sei ein Hausmädchen tätig gewesen, das aus Böhmen stammte. Sie war als Tschechin zur Zwangsarbeit im Dritten Reich verpflichtet worden. Später hat sich Alfred Müllers verstärkt für das Schicksal all dieser Menschen interessiert und es wurde ihm ein Anliegen, auf Spurensuche zu gehen und mehr über sie zu erfahren. Doch der Eiserne Vorhang machte eine solche Annäherung mit den östlichen Nachbarn nach dem Krieg schwierig. Erst nach dessen Fall war eine gezielte Verständigung möglich und schon bald konnten auch Austauschprojekte zwischen den alten Bundesländern und Tschechien realisiert werden. Müllers berichtet mir, wie es vor allem nach der Wende noch sehr viele Vorurteile gegenüber den postkommunistischen Nachbarländern gab. Er musste sich mit seinen Ideen und Überzeugungen gegenüber anderen zunächst erst einmal durchsetzen. Schließlich aber konnte er durch seine Projekte jene Vorurteile wirklich beseitigen helfen und sich am Ende aktiv an der besseren Verständigung zweier Seiten beteiligen, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts weit voneinander entfernt hatten. Für seinen besonderen Einsatz im Bereich der Vereins- und Jugendarbeit sowie für sein aktives Wirken im Bereich der Völkerverständigung erhielt Müllers im Jahr 2011 das Bundesverdienstkreuz.

Fußball, Erinnerungsarbeit und politische Bildung

Der Fußballsport bietet in den Augen Müllers besondere Voraussetzungen für die Annäherung von Menschen verschiedener Herkunft. „Ich sehe gerade im Fußball die breitesten Möglichkeiten, sich zu öffnen", betont der erfahrene Projektentwickler und verweist auf seine Überzeugung, durch den Sport eine Basis für das tiefere Verständnis für die andere Seite schaffen zu können. Doch darüber hinaus geht es bei seinen Projekten auch um die Begegnung mit der gemeinsamen Geschichte der beiden Nachbarländer. So bildet u.a. der Besuch von Erinnerungsorten wie Theresienstadt einen wichtigen Bestandteil der Austauschprojekte. Neben dem Fußballspiel haben die Jugendlichen auf diese Weise die Möglichkeit, sich ein Bild von den Erfahrungen und Schicksalen früherer Generationen zu machen. Um das Bewusstsein für demokratische Werte und Gleichberechtigung zu schärfen, die für unser heutiges Europa und unser friedliches Zusammenleben unerlässlich sind, bemüht sich Müllers auch um die Beteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und macht sich für den Frauenfußball stark. Durch die Projekte sollen die Jugendlichen Demokratie und Miteinander aktiv erfahren und lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Wie nah sich Menschen durch die grenzübergreifende Projektarbeit schließlich kommen können, erklärt Alfred Müllers mit einem Lächeln am liebsten am Beispiel seiner tschechischen Schwiegertochter. Vereinzelt werde so aus Projektpartnerschaft sogar „wirkliche Partnerschaft" und die Familien wachsen tatsächlich über die Ländergrenzen hinweg zusammen, ergänzt er besonnen und zufrieden im Rückblick auf die Nebenwirkungen seiner zahlreichen Projekte.

Von Dominik Fischer

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Redaktion: Petula Hermansky Verantwortlich: Thomas Rudner