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Geschichte erfahrbar machen – Schüler/-innen des Gymnasiums Lappersdorf und der Deutschen Schule in Prag begaben sich gemeinsam auf Spurensuche

Im Rahmen des Tandem-Schwerpunkts „Gemeinsam erinnern für eine gemeinsame Zukunft“ intensivierte das Gymnasium Lappersdorf seine Partnerschaft mit der Deutschen Schule in Prag. Im Frühjahr diesen Jahres wurde es dann nach einer intensiven Vorbereitungsphase konkret: Schüler/-innen des P-Seminars „Geschichte erfahrbar machen“ (Q11) gingen gemeinsam mit Schüler/-innen der Deutschen Schule in Prag auf Spurensuche im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Denn es ist doch ein Unterschied, ob man im Geschichtsunterricht einen Artikel über die schlimmen Verhältnisse in den Nachkriegsjahren 1946 bis 1950 liest oder ob man eine grausame Geschichte von Zeitzeugen zu hören bekommt.
Die deutsch-tschechische Begegnung wurde vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert.

Im Folgenden lesen Sie einen Nachbericht über die Vorexkursion, den uns das Gymnasium Lappersdorf zur Verfügung gestellt hat.

Ein eindrückliches Stimmungsbild

Das P-Seminar „Geschichte erfahrbar machen“ der Q11 des Gymnasiums Lappersdorf führte vom 26. bis zum 29. April 2018 unter der Leitung von Frau Heil und Herrn Kufner und in Begleitung des Mountainbike-Wahlkurses von Herrn Schmeiduch eine Vorexkursion nach Waldmünchen in der Nähe der bayerisch-tschechischen Grenze durch. Ziel dieser Unternehmung war es, zusammen mit Schüler/-innen der Deutschen Schule Prag ausgesuchte Orte im Grenzgebiet, die am Ende des zweiten Weltkrieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit zerstört und entvölkerte wurden, bei Radtouren zu besuchen. Den Organisator/-innen der Exkursion war es ein großes Anliegen, dass sich die Schüler/-innen nicht nur auf Spurensuche in der Region begaben, sondern auch Zeitzeugen interviewen konnten, um somit das Stimmungsbild der Menschen von damals, aber auch von heute festhalten zu können.

Am Donnerstag, 26. April 2018, kamen die insgesamt 14 deutschen Schüler/-innen nach einer zweistündigen Zugfahrt gegen 16.30 Uhr am Bahnhof in Waldmünchen an, wo sie von den tschechischen Partnerschüler/-innen bereits erwartet wurden. Der restliche Nachmittag und Abend dienten dann dazu, dass sich die Schüler/-innen untereinander kennenlernten, indem sie gemeinsam Volleyball oder später, an einer gemeinsamen Tafelrunde, Karten spielten. Dieses erste Beisammensein bestätigte das Engagement der Organisator/-innen. Nachdem der Plan für den nächsten Tag detailliert feststand, gingen alle Schüler/-innendann motiviert für den nächsten Tag schlafen.

Interview mit Zeitzeugen

Am Freitag, 27. April 2018, unternahm die Gruppe von nun über 30 Personen eine gemeinsame Radtour nach Plöss. Dieser Ort umfasste vor dem Kriegsende über 300 Häuser, von denen heute nur noch die Grundmauern zu erahnen sind. Ein paar wenige neu gebaute Gebäude erinnern an das sich einst dort befindliche Dorf, das von 1946 bis 1950 dem Erdboden gleichgemacht worden war. Unsere Gruppe machte nach der über 25 Kilometer langen Hinfahrt im Wirtshaus Pleš Rast und genoss das landestypische Essen. Währenddessen war es ein paar Schüler/-innen auch möglich, den Zeitzeugen Antonin Hofmeister zu interviewen, der als Kind in genau diesem Ort aufgewachsen ist und sich auch heute noch im Alter von 80 Jahren mit der Geschichte der Grenzregion und der damaligen Vertreibung beschäftigt. Die von ihm beantworteten Fragen werden auch bei der weiteren Arbeit eine große Hilfe sein.

Kurz bevor sich die Gruppe auf den Heimweg machte, trennte sich ein Teil des Teams von den Anderen, um noch kurz den Friedhof von Pleš zu besichtigen, von dem fast nur noch Trümmer original erhalten sind. Auf der Bügellohe kam man dann wieder zusammen, wo man den Ort in Augenschein nehmen konnte, an dem etliche Bewohner/-innen von Wenzelsdorf leider vergeblich auf die Rückkehr gewartet hatten. Durch Zufall trafen wir hier einen weiteren Zeitzeugen, Herrn Heinz Hüttel, der als Einjähriger auf die Bügellohe in das Haus seines Großvaters kam und noch heute die Überreste der Siedlung pflegt.
Nach der Heimfahrt waren alle Schüler/-innen froh, sich noch zusammenzusetzen und plaudern oder spielen zu können, um dann nach insgesamt 58 Kilometern und über 1000 Höhenmeter endlich ins Bett gehen zu dürfen.

Am Puls der Geschichte

Am Samstag beschlossen die Schüler/-innen und Lehrer/-innen, die Gruppe aufzuteilen, sodass drei Teilgruppen entstanden, die für diesen Tag unabhängig voneinander agieren konnten:
Die erste Gruppe besichtigte von 13.30 bis 17 Uhr mit dem Rad den Ort Grafenried, welcher sich nördlich von Waldmünchen und auf der tschechischen Seite der Grenze befindet, wo uns zuerst von Helmut Roth eine Führung durch die Ausgrabungen der zerstörten Gebäude gegeben wurde. Hier durften wir etwa erfahren, wie die Grafenrieder Brauerei aussah und auch welche Häuser sonst noch einfach zerstört und nie wieder aufgebaut worden waren. Außerdem durften die Schüler/-innen dort einem Gedenkgottesdienst beiwohnen, der genau das Thema Vertreibung der damaligen Bewohner/-innen behandelte. Dieses Treffen wird seit sieben Jahren immer Ende April, Anfang Mai abgehalten und dient hauptsächlich den Menschen, die diese Erfahrungen selbst erleiden mussten. Vielen älteren Menschen bietet diese Veranstaltung die Möglichkeit, zum einen alte Bekannte wiederzutreffen und Geschichten auszutauschen und zum anderen auch neue Gesichter kennenzulernen. Nach einigen sehr aufschlussreichen Gesprächen mit Zeitzeugen, die zum Teil sehr emotional von ihren Erfahrungen erzählt haben und uns somit enorm informatives und einzigartiges Material geliefert haben, machte sich das Team auf den Rückweg und traf gegen 18 Uhr in der Jugendbildungsstätte Waldmünchen ein.

Eine weitere Gruppe von fünf Schüler/-innen wurde nach kurzem Fußweg von der Bildungsstätte zum Altenstift von einer Pflegerin in einen dortigen Aufenthaltsraum gebracht, wo sie schon von sechs älteren Damen und Herren erwartet wurden. Trotz einigen anfänglichen Kontaktschwierigkeiten fanden die Jugendlichen dann doch noch die richtigen Fragen, die die Zeitzeugen in einen richtigen Redefluss brachten. Herr Richter erzählte beispielsweise 20 Minuten lang, wie er damals in die Armee beordert wurde und mit 16 Jahren ohne militärische Ausbildung an die Ostfront geschickt und dort dann gefangen genommen worden war. Nach seiner Beschreibung der Umstände in diesen Lagern waren die Schüler/-innen alle sichtlich bewegt, denn es ist doch ein Unterschied, ob man im Geschichtsunterricht einen Artikel über die schlimmen Verhältnisse liest oder ob man so eine grausame Geschichte wirklich von einem ehemaligen Gefangen zu hören bekommt.

Aber nicht nur die Herren versorgten sie mit Informationen, sondern auch die Damen waren mit großem Engagement dabei, ihre Erfahrungen aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren zu erzählen. Nachdem so eine Stunde sehr schnell vergangen war, deutete eine Pflegerin an, nun zum Ende zu kommen und so machten unsere Schüler/-innen zusammen mit den Zeitzeugen ein Erinnerungsfoto, bedankten und verabschiedeten sich und traten den Heimweg zur Jugendherberge an.

Orte, an denen Geschichte sichtbar wird

Die dritte Gruppe, bestehend aus vier deutschen Schülern und vier tschechischen Schülerinnen, steuerte am Samstag, 28. April 2018, die letzten zwei Ziele an, die für die Ortserkundungen im Rahmen des Seminars wichtig waren – nämlich den jüdischen Friedhof und das Schloss der Stadt Poběžovice, zwei besonders atmosphärische Orte, an denen die Geschichte der Grenzregion offensichtlich werden konnte. Die Gruppe startete um 10 Uhr unter der Leitung von Herrn Kufner mit dem Mountainbike. Außerdem wurde sie von der Mountainbike-AG von Herrn Schmeiduch begleitet. Die Hinfahrt auf abgelegenen Straßen und geschotterten Feldwegen verlief bis auf etliche Höhenmeter, die über den Herštejn (Hirschenstein) zurückgelegt werden mussten, ohne Probleme. Zuerst wurde der jüdische Friedhof näher in Augenschein genommen. Dieser wurde von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg geschändet und teilweise zerstört. Heute ist er von Pflanzen regelrecht überwuchert und ein fast schon mystischer Ort. Viele Grabsteine wurden wieder an ihren ursprünglichen Platz aufgebaut, so dass man erkennen kann, wie es dort früher ausgesehen haben muss. Danach kehrten alle zum Mittagessen in ein typisch tschechisches Restaurant ein. Des Weiteren wurde das Schloss von Poběžovice besichtigt, welches früher der Sitz der Reichsgrafen von Coudenhove-Kalergi war, einer schillernden Familie, die in unterschiedliche Weise Akzente gesetzt hat. Hier sei nur Richard von Coudenhove-Kalergi erwähnt, der als Gründer der Paneuropaunion schon 1923 eine europäische Einigungsbewegung ins Leben gerufen hatte. Der Rückweg führte über schöne Wege zurück zur Jugendbildungsstätte Waldmünchen. Das anschließende Grillen war ein gelungener Abschluss für die komplette Gruppe.

Am Sonntag, 29. April 2018, gab es nach dem Frühstück noch eine kurze Präsentation der einzelnen Gruppenergebnisse, bei der auch die Medien ausgetauscht wurden. Anschließend wurden die Koffer gepackt und die Räder in das Marktmobil eingeladen. Danach ging es zu Fuß zum Bahnhof und von dort zurück nach Regensburg beziehungsweise nach Prag.

(Quelle: Gymnasium Lappersdorf)

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Redaktion: Petula Hermansky Verantwortlich: Thomas Rudner